Anonym: Das FahrradCodex Atlanticus 133v (ex 48r b),60 x 45 cm, Kreide, um 1970, Biblioteca Ambrosiana, Mailand |
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Peter Michalski schreibt in der Berliner Morgenpost vom 17. Oktober 1997:
Professor aus Mannheim stößt Leonardo da Vinci aus dem Sattel - Fahrrad-Zeichnung eine FälschungLeonardo da Vinci (1452-1519) war doch nicht der Erfinder des Fahrrads. Ein deutscher Professor, Hans-Erhard Lessing, hat das Renaissance-Genie aus dem Sattel gehoben. In der englischen Zeitschrift "New Scientist" schildert Lessing, ehemaliger Kustos des Mannheimer Museums für Technik und Arbeit, wie er Leonardos vermeintliche Fahrrad-Skizze als knapp 40 Jahre altes Mönchsgekritzel entlarvt hat. Damit steht das World Financial Center in New York plötzlich vor einem Problem. Denn ein auf Grund der Zeichnung in Italien angefertigtes Holzmodell des Fahrrads sollte dort Ende Oktober Prunkstück der Ausstellung "Mechanik-Wunder - Erfindung im Zeitalter Leonardos" werden. Bisher war die Entstehungszeit der Skizze nie öffentlich angezweifelt worden, wenngleich viele Kunstexperten vermuteten, die Zeichnung stamme nicht von der eigenen Hand des Meisters, sondern sei die Gedächtniskopie eines zeitgenössischen Leonardo-Schülers.Die Zeichnung in brauner Kreide zeigt ein deutlich erkennbares Veloziped mit zwei Rädern von je sieben Speichen, Gabeln, Pedalen, Kette, Lenkstange und Sattel. Entdeckt wurde die Skizze im sogenannten Codex Atlanticus, den ein Konservator (Anm.: Pompeo Leoni) Ende 16. Jahrhundert zusammengestellt hatte, indem er handschriftliche lose Leonardo-Blätter - mit zum Teil pornographischen Zeichnungen - auf neue Unterlagen klebte. In den 60er Jahren begann eine Gruppe von Mönchen unter Leitung des Lexikographen Professor Augusto Marinoni (15.6.1911 - 31.12.1997) an der Mailänder Katholischen Universität, den Codex zu restaurieren. 1974 teilte Marinoni der erstaunten Welt mit, beim Öffnen eines eines in der Mitte zusammengefalteten und zugeklebten Blattes hätten "seine" Mönche den Entwurf eines Fahrrads entdeckt. Lessing hat jedoch inzwischen einen Kunsthistoriker aufgetrieben, der den Codex Atlanticus schon 1961 untersucht hatte. Dr. Carlo Pedretti von der amerikanischen University of California in Los Angeles entfaltete die zugeklebten Blätter zwar nicht. Er "durchleuchtete" sie jedoch mit einem hellen Licht. Aus seinen damaligen Notizen geht hervor, daß er auf der Innenseite zwei von Schlangenlinien durchzogene Kreise sah. "Aber ein Fahrrad war das nicht", bestätigte Pedretti jetzt dem "New Scientist". Lessing vermutet, daß einer von Marinonis Mönchen in den 60er oder frühen 70er Jahren die beiden Kreise verbunden und zum Fahrradentwurf umfunktioniert hat. "Das ist genau, was einem Mönch einfallen könnte, wenn er sich langweilt", meint Nicholas Clayton, der Chefredakteur von "Boneshaker", dem Vereinsblatt des britischen Fahrradveteranenklubs. Als Marinoni seine Entdeckung bekanntgab, wurde sie - so Lessing - "von niemandem in Frage gestellt. Die Italiener waren einfach so begeistert, daß sie das Fahrrad erfunden hatten". Den letzten Beweis könnte nur eine chemische Analyse der Kreidestricheleien erbringen. Das ist allerdings kaum mehr möglich, weil die restaurierten Originalblätter inzwischen aus Konservierungszwecken in Kunststoff eingeschweißt worden sind. Dennoch scheint es, daß das Verdienst, Erfinder des zweirädrigen Fahrzeugs zu sein, nach wie vor dem Freiherrn Drais von Sauerbronn zufällt. |