Manuscript L

90 Blätter, (10,1 x 7,5 cm), (1498-1502), Institut de France, Paris
Manuscript L Kriegskunst, Architektur, Arithmetik, Hydraulik, Technik, Planimetrie, Befestigungsanlagen, Brücke über das "Goldene Horn" (240m Spannweite, von Pera nach Konstantinopel) in Auftrag gegeben von Sultan Bajezet

Späte Ehren für Brücke von Leonardo da Vinci

Oslo (AP) Fast 500 Jahre nach Leonardo da Vincis Tod kommt ein Entwurf des Künstlers zu späten Ehren: Das norwegische Straßenbauamt will eine Brücke bauen, die der Renaissance-Meister im Jahr 1502 für einen türkischen Sultan entwarf. "Das ist die Umkehrung unserer üblichen Projekte", sagte ein Sprecher des Amtes in Akershus. "Normalerweise haben wir eine Stelle, die eine Brücke braucht, und wir entwerfen eine, die dorthin passt. Aber diesmal haben wir einen Brückenentwurf und mussten nach einem Platz suchen, wo er hinpasst."
Da Vinci konstruierte das Bauwerk als Überführung am Goldenen Horn in Istanbul. Mit einer Länge von 346 Metern wäre es die größte Brücke der Welt geworden. Sultan Bajazet II. lehnte jedoch den Entwurf ab. Rund 2.400 Kilometer nördlich des ursprünglich vorgesehen Standortes plant Norwegen nun eine kleinere, 57 Meter lange Version der Brücke. In der Gemeinde Aas soll sie bald eine hässliche Fußgängerüberführung ersetzen.
Das alte Exemplar sei "ein gutes Beispiel dafür, wie man eine Brücke nicht bauen sollte", sagte Knut Gloersen, Straßenplaner für den Bezirk Akershus. Da Vincis elegant geschwungenes Design hingegen dürfte sowohl Ästheten als auch Ingenieure zufriedenstellen. Der norwegische Künstler Vebjoern Sand entdeckte es 1995 bei einer Ausstellung in Stockholm. "Als ich das Modell zum ersten Mal sah, hat es mich sofort begeistert", sagte der Künstler. Bald konnte er die norwegischen Behörden vom Bau der Brücke überzeugen. "Es ist die Mona Lisa, die Königin der Brücken. Leonardos Brücke zu bauen ist die gleichzeitige Umsetzung von Geschichte und Kunst", sagte Sand.
Derzeit denken die Beamten noch über zwei mögliche Bauweisen nach: eine hölzerne für rund 3.5 Millionen Kronen (knapp 830.000 Mark) und eine fast dreimal so teure aus Stein. "Die hölzerne Brücke wäre ein von da Vinci inspiriertes Design, während die steinerne eher ein Denkmal wäre», sagte Gloersen. Eine endgültige Entscheidung will die Behörde im November treffen.
Die Frage, was dem Sultan an dem Entwurf missfiel, bleibt unterdessen unbeantwortet. Ein Konstruktionsfehler da Vincis kann es nach Ansicht der Norweger zumindest nicht gewesen sein. "Während er sich bei seinem Entwurf aus die Intuition verlassen musste, haben wir moderne Techniken und Computer verwendet, um ihn zu überprüfen", sagte Gloersen. "Wir können bestätigen, dass Leonardo alles richtig gemacht hat."


Christoph Enzinger - Christoph.Enzinger@gmx.at