dekorative Zeichnung: Leonardo da Vinci
Das Leonardo da Vinci-Sakrileg

"Sämtliche in diesem Roman erwähnten Werke der Kunst und Architektur und alle Dokumente sind wirklichkeits- bzw. wahrheitsgetreu wiedergegeben." (Dan Brown, "Sakrileg")

Der Trick, seinem literarischen Werk größere Authentizität zu verleihen, indem man vorgibt, eigentlich alles nur zitiert zu haben, ist durchaus weit verbreitet. Auch Jorge Luis Borges und Umberto Eco verstanden es meisterlich, ihre Leser auf diese Weise aufs Glatteis zu führen.
Und selbst wenn die eine oder andere Quelle real existiert: Die Zeitschrift "Stern" hat 1983 die Hitlertagebücher auch "wirklichkeits- bzw. wahrheitsgetreu wiedergegeben" - nur echt waren sie nicht. Über die Seriosität der Quellen sagt die Angabe Dan Browns eben nichts aus. Ein Roman ist fiktionale Literatur, mehr nicht.

Wie sehr "Sakrileg" ("The Da Vinci Code") fiktionale Literatur ist, wird deutlich, wenn man die Behauptungen Dan Browns überprüft. Ich möchte das hier in Bezug auf Leonardo da Vinci tun.

"Leonardo da Vinci hatte von 1510 bis 1519 das Amt des Großmeisters der Prieuré de Sion inne." (S. 157)
Nun, die "Dossiers Secrets", aus denen dies hervorgeht, existieren wirklich, sie sind aber (wie die Hitlertagebücher) erwiesenermaßen Fälschungen aus dem 20. Jahrhundert.

"Mr. Langdon", sagte Fache, "jemand wie Sie muss wohl nicht daran erinnert werden, dass da Vinci eine Neigung zu den schwarzen Künsten besaß." [..]
Dieses visionäre Genie war zugleich ein ausschweifender Homosexueller und Verehrer der göttlichen Ordnung der Natur gewesen, was ihn zum notorischen Sünder gegen den Gott der katholischen Kirche gemacht hatte.
(Dan Brown, "Sakrileg", S. 67)
Als Einstieg trägt Dan Brown dick auf. Eine "Neigung zu den schwarzen Künsten" ist mit Leonardos Aufzeichnungen nicht zu belegen.
Ja, Leonardo war wahrscheinlich homophil veranlagt. Aber als Verehrer der göttlichen Ordnung der Natur lebte er ausgesprochen enthaltsam. Verschiedene Aufzeichnungen lassen vermuten, dass er eine Sexualneurose hatte, jedoch nichts deutet auf eine ausgelebte Homosexualität hin.
Zur Zeit Leonardos sah man Männer Arm in Arm auf der Straße flanieren. Von Michelangelo weiß man, dass er oftmals wechselnde Beziehungen zu Männern pflegte. Auf ihn passt die Bezeichnung "ausschweifender Homosexueller", auf Leonardo sicher nicht.

Er hat sogar Leichen ausgegraben, um an den Körpern die Proportionen des Menschen zu studieren. (S. 132)
Leonardo hat im Krankenhaus Verstorbene seziert. Warum sollte er sich die (unangenehme) Mühe machen, Leichen auszugraben?
Er sezierte aus künstlerischen Überlegungen heraus, das ist richtig. Aber eher nicht um die Proportionen zu studieren (das kann man auch an lebendigen Menschen), sondern um den Aufbau des Körpers zu studieren, um dadurch größere künstlerische Wahrhaftigkeit zu erzielen.

Mit Hilfe von Computeranalysen hat man einige erstaunliche Übereinstimmungen der Mona Lisa mit da Vincis Selbstporträt nachweisen können. (S. 166)
Das ist richtig, aber was ist daran so seltsam? Manche Forscher sehen darin ein Indiz, dass die "Mona Lisa" (von der unklar ist, wer wirklich dargestellt ist) Leonardos Mutter darstellt. Andere (und auch ich bin dieser Meinung) berufen sich auf die Forschungen von Hans Ost, der 1980 nachwies, dass das Selbstbildnis Leonardos eine Fälschung von Giuseppe Domenico Bossi ist. Bossi nahm als Vorlage seiner Fälschung einfach die Mona Lisa...

"Was immer da Vinci im Schild führte - seine Mona Lisa ist weder eindeutig männlich noch eindeutig weiblich. Sie hat Merkmale von beidem, etwas Androgynes, wie man es nennt." (S. 166)
Da die junge Dame, die für das Porträt der Mona Lisa Modell gestanden hat, züchtig bekleidet ist, lassen sich keine primären und sekundären Geschlechtsmerkmale feststellen. Darüber hinaus lassen sich eindeutig weibliche Züge erkennen - aber keinerlei Hinweise auf männliche Merkmale

AMON L'ISA (S. 167)
Das Wortspiel ist lustig, aber auch nicht mehr als das. Leonardo hat kein einziges seiner Bilder mit Titeln versehen. Bei der "Mona Lisa" (die in Italien "La Gioconda" heißt) einigte man sich erst Jahrzehnte nach Leonardos Tod darauf, das Bild "Mona Lisa" zu nennen. Also konnte auch das Wortspiel erst nach Leonardos Tod entstehen.

Das Gemälde zeigte die sitzende Jungfrau Maria in einem blauen Gewand, den ausgestreckten rechten Arm um ein Kleinkind gelegt, vermutlich Jesus. Dem Kind gegenüber sitzt Uriel, ebenfalls mit einem Kleinkind, vermutlich Johannes der Täufer. (S. 190)
Hier irrt Dan Brown. Die Ikonographie ist eindeutig: Der Kreuzstab (nur in der Londoner Version) ist ein Attribut Johannes des Täufers. Also: Maria legt den Arm um Johannes, ihnen gegenüber sitzten Uriel und Jesus. Letzterer segnet Johannes.

Peter van Briel schreibt: "Tja Dan, hättest Du ein wenig mehr Ahnung und vor allem die Londoner Variante gesehen, würde sich alles in Wohlgefallen auflösen (und alles, was Du sonst noch auf der Seite 190 und 191 über dieses Bild schreibst, hättest Du wahrscheinlich mit hochrotem Kopf in den Reisswolf geworfen!). Aber Du hast Dir die Bilder nicht angeschaut, sondern einfach im Buch "The Templar Revelation" abgeschrieben. Die haben nämlich schon den gleichen Fehler gemacht (was ein besonders Licht auf die beiden Autoren des Buches wirft)."

Es sind Erfindungen Leonardo da Vincis. (S. 273)
"Es ist ein Entwurf aus Leonardo da Vincis Skizzenbüchern", sagte Sophie. (S. 375)
Leonardo hat manches von dem, was er gezeichnet hat, tatsächlich erfunden, z.B. den Fallschirm oder das Kugellager. Von einem "Kryptex" existiert jedoch weder eine Zeichnung noch eine Beschreibung in Leonardos Aufzeichnungen.

Er hatte von Hunderten seiner Erfindungen die entsprechenden Konstruktionszeichnungen angefertigt, aber nur ganz wenige selbst ausgeführt und gebaut. (S. 274)
Richtig ist: Er hat sicher die wenigsten Entwürfe gebaut bzw. bauen lassen. Entweder, weil sie die technischen Möglichkeiten seiner Zeit überstiegen, oder - in den meisten Fällen - weil sie bereits andere gebaut hatten! Leonardo war ein begnadeter Zeichner und als solcher stellte er das technische Wissen seiner Zeit grafisch dar. Seine "technische Enzyklopädie" umfasst Erfindungen der letzten 1500 Jahre - und auch eigene Weiterentwicklungen. Diese als solche zu identifizieren ist sehr schwierig.

Außerdem gehörten Kriegsmaschinen und Folterinstrumente von bis dahin nicht gekannter Grausamkeit zum Repertoire seiner vielfältigen Erfindungen. (S. 67)
Die "wirklichen" Erfindungen Leonardos liegen nicht im militärischen Sektor: Maschinen zum Spinnen mit geflügelter Spindel, zum Weben, zum Verwinden von Hanf, zum Rupfen der Mützen, zum Herstellen von Nadeln. Er ist unbestritten ein genialer Mechaniker, und er ist ein prophetisches Genie, der die industrielle Ära zumindest in jenem Sinn vorwegnimmt, dass seine "Maschinen" (zu denen die Werkzeuge, Musikinstrumente und Waffen hinzuzuzählen sind) auf eine systematische Automatisierung abzielen. (Bramly)
"Von bis dahin nicht gekannter Grausamkeit"... Hier irrt Dan Brown. Schon die Römer (1500 Jahre vor Leonardo) waren äußerst kreativ beim Erfinden von derartigen Vorrichtungen. Und bis Leonardos Zeiten ist noch viel hinzukommen. Leonardo hat sie nur gezeichnet, nicht erfunden.

Sogar da Vincis gewaltige Produktivität an atemberaubenden Gemälden mit religiösen Inhalten trug zur Verbreitung des gegen ihn erhobenen Vorwurfs spiritueller Heuchelei bei. Er malte Hunderte von lukrativen Auftragswerken für den Vatikan, [..] (S. 68)
Von Leonardo da Vinci sind 10 Gemälde religiösen Inhalts bekannt (insgesamt sind es, nach großzügiger Zählung, 25). In Rom hielt er sich nur 3 Jahre seines Lebens auf. Wie stellt sich Dan Brown das vor mit den Hunderten Auftragswerken? Stand Leonardo am Devotionalienstand und verkaufte er Heiligenbildchen? Dan Brown räumt später im Buch ein: "[..] dem weniger auf das Künstlerische als auf die Praxis orientierten Leonardo da Vinci." (S. 274)
So ist es. Leonardo malte nicht nur ausgesprochen langsam, ihn interessierten vor allem auch viele andere Dinge. Vieles kann man Leonardo nachsagen, jedoch keine "gewaltige Produktivität".

Sophie las: "Viele haben aus Täuschungen und falschen Wundern ein Geschäft gemacht und führen die törichte Menge hinters Licht." "Hier ist noch eins", sagte Teabing. "Unkenntnis blendet und lässt uns in die Irre gehen. Oh, ihr elenden Sterblichen, öffnet die Augen." Sophie fröstelte plötzlich. "Meint da Vinci etwa die Heilige Schrift?" (S. 317)
Tja, wer kann das schon sagen. Vielleicht. Vermutlich nicht. Für mich klingt es nach einer Aufforderung zur wissenschaftlichen Forschung.

Sophie schlug die Augen auf und sah Sir Leigh selbstgefällig grinsen. Als sie das Gemälde betrachtete, bemerkte sie erstaunt, dass jede der abgebildeten Personen, auch Jesus, einen Weinbecher hatte. (S. 324)
Und das ist auch sehr richtig so. Denn die Apostel haben sich ja mit Jesus zu einem Abschieds-Abendessen in der Woche zwischen Seder und Pessach versammelt. Er nahm den Kelch erst nach dem Mahl (vgl. Lk 22,20) und reichte ihn herum. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Apostel zum Mahl selbst (das ca. 2 Stunden dauert) nichts getrunken haben... (Nun, realistisch ist das Bild dennoch nicht: Man lag damals bei Tisch.)

Sophie betrachtete die Gestalt eingehend. Sie hatte weich fließendes, langes rotes Haar; die zarten Hände waren gefaltet, und sogar die Andeutung eines Busens war zu sehen. "Das ist tatsächlich eine Frau!", rief Sophie aus. (S. 333)
Die Darstellung des Apostels Johannes wird hier gut beschrieben. Aber auch wenn ich mich auf den Kopf stelle oder die Augen zukneife, kann ich weder primäre, noch sekundäre Geschlechtsmerkmale, die auf eine Frau hindeuten, erkennen. Die "Andeutung eines Busens" sehe ich auch bei anderen Aposteln. Johannes trägt keinen Bart, aber reicht das aus? Ebenso könnte man behaupten, die Gestalt in der Mitte (von der alle behaupten, es wäre Jesus) ist eine Frau.
Könnte es nicht einfach so sein, dass Johannes jünger ist als die anderen Apostel...? "Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn!" (Joh 19,26) wird dadurch ganz plausibel: Jesus vertraut den jungen Johannes seiner Mutter an.
Da Leonardo homophil veranlagt war, ist es weiters sehr logisch, wenn er den "Jünger, den Jesus liebte" mit sehr weichen Gesichtszügen darstellte.
Angenommen, Leonardo malte eine - wenn heute, dann sicher auch damals als solche erkennbare - Frau an Jesu Seite. Wie lange hätten die Mönche von Santa Maria delle Grazie da zugesehen? Der Raum ist schließlich das Refektorium, also der Speisesaal eines Klosters. Keinen Tag hätten sie das unwidersprochen hingenommen.


Die künstlerischen Werke | Codici und Manuskripte | Biographie | Glossar, Museen und Links | Fragen zu Leonardo | Risiko
Christoph Enzinger - Christoph.Enzinger@gmx.at