Hl. Anna Selbdritt

168 x 130, Öl auf Holz, 1508-1510, Louvre, Paris
Hl. Anna Selbdritt
Dieses Gemälde ist weder eine Version, noch eine Ableitung von dem bereits 1498 entworfenen, aber nie realisierten Karton zum gleichen Thema. Seine Struktur ist vielmehr autonom und auch die thematische Bedeutung ist anders aufgefasst. Im Hintergrund steigen kreisförmig angeordnete Gebirge aus nebeligen Dämpfen empor, davor die pyramidenförmig angeordnete Gruppe der hl. Anna, der Jungfrau Maria und des Jesusknaben, der ein Lämmchen an sich zieht, Symbol für seine zukünftige Opferung. Das kaum wahrnehmbare Lächeln auf den Gesichtern ist der einzige Gefühlsausdruck auf dem Bild.

Das unvollendete Werk wurde fast mit Sicherheit in Zusammenarbeit mit Leonardos Schülern während seines Florentiner Aufenthalts im Jahre 1508 begonnen, nämlich als er von den Servitenmönchen den Auftrag zu einer Tafel für den Hauptaltar von Santissima Annunziata erhielt. Zwar hatte Filippino Lippi bereits einen Vertrag für diese Aufgabe unterzeichnet, jedoch verzichtete er zugunsten Leonardos.
Leonardo hatte bereits 1500/1501 einen Karton begonnen, jedoch ist diese Vorstudie verschollen.

Leonardo nahm das Bild mit nach Frankreich, und dort sah es Kardinal Louis d'Aragon, als er den Meister 1517 im Schlösschen Cloux besuchte. (Der Schreiber des Kardinals, Antonio de Beatis, berichtet über drei Bilder: Das Bildnis einer gewissen florentinischen Dame (Mona Lisa), eines Heiligen Johannes und einer Heiligen Anna Selbdritt.)
Nach dem Tode Leonardos nahm Francesco Melzi das Gemälde mit zurück nach Italien. Im Jahre 1630 befand es sich im Casale Monferrato, wo es Kardinal Richelieu erwarb, der es 1636 Ludwig XIII. überließ. Seit 1810 ist das Gemälde im Louvre ausgestellt.

Mary,
nie sah ich ein Werk von Leonardo da Vinci, ohne tief in meinem Inneren die Kraft seiner Faszination zu spüren. Mehr noch, ich fühlte, wie ein Teil seiner Seele in meine Seele drang. Ich war noch ein Junge, als ich das erste Mal einige Bilder von diesem wunderbaren Mann sah. An diesen Augenblick werde ich mich mein ganzes Leben erinnern. Damals erschien mir diese Begegnung wie ein Kompass für ein Schiff, das sich auf hoher See im Nebel verirrt hatte.
Heute fand ich diese Karte zwischen meinen Papieren. Ich möchte sie dir schicken, damit sie dir etwas berichtet von jenen Dingen, die meine Jugendjahre in ein Tal der Traurigkeit und Einsamkeit tauchten und meine Seele mit der Sehnsucht nach dem Unbekannten füllten.
Möge Gott dich bewahren!
Gibran

Khalil Gibran an May Ziadeh, auf die Rückseite einer Karte mit dem Bildnis der Hl. Anna, am 6. Februar 1925

Christoph Enzinger - Christoph.Enzinger@gmx.at