"Tavola doria"

85 x 115 cm, Öl auf Pappelholz, 1503, Privatsammlung, Japan
Tavola Doria Das Angebot, eine Wand des Rats-Saals der Signoria mit einer Szene aus der militärischen Geschichte von Florenz zu schmücken, kam Leonardo überraschend. Er hasste den Krieg und wollte weder Leichen noch verwundete oder verstümmelte Männer malen.
Machiavelli konnte Leonardo überreden, den Auftrag dennoch anzunehmen, indem er Leonardo beste Arbeitsbedingungen zusicherte und als Motiv die Schlacht von Anghiari vorschlug.

In der Schlacht von Anghiari "besiegten" 1440 die Florentiner die Mailänder. Es war eigentlich kein "Sieg" gewesen, denn es war den feindlichen Feldherren nämlich anlässlich des Aufmarsches ihrer Truppen zu Bewusstsein gekommen, dass auch ein hartnäckiges Gefecht keine Entscheidung bringen könne. Dies umso weniger, als die überlegene Diplomatie Cosimo de Medicis den Anlass der Streitigkeiten aus dem Weg geräumt hatte. Die Mailänder hatten sich kampflos zurückgezogen.

Um der Darstellung ein stärkeres Relief und den Farben mehr Leuchtkraft zu verleihen, wählte Leonardo (gemäß Vasari) eine neue Technik mit enkaustischen Farben. Dieses Verfahren hatte (in Kombination mit der von Leonardo verwendeten Gipsgrundierung) die verheerende Folge, dass die Farben nicht trocken wurden. (Paolo Giovio, einem Zeitgenossen Leonrdos zufolge stieß der Verputz die aus minderwertigem Nußöl hergestellten Ölfarben ab.) Der Meister entzündete daraufhin ein großes Feuer unterhalb des Gemäldes, mit dem Erfolg, dass zwar die untere Partie trocknete, weiter oben jedoch sämtliche Farben bis zur Unkenntlichkeit ineinanderliefen.

Dem Gemälde Leonardos gegenüber malte Michelangelo zur gleichen Zeit die "Schlacht von Cascina", und zwar den Augenblick vor dem eigentlichen Kampf, als die florentinischen Soldaten noch im Fluss baden und vom Schlachtsignal überrascht werden.

Beide Gemälde wurden noch im Cinquecento zerstört, die "Anghiarischlacht" sogar von Vasari, Leonardos ersten Biographen.


Sensation! Prof. Dr. Friedrich Piel, Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Salzburg fand mit neuesten Methoden heraus, daß die "Tavola Doria" eine eigenhändige Ölskizze Leonardo da Vincis aus den Jahren 1503/1504 ist. Das Bild zeigt den Kampf um die Fahne und stellt damit das zentrale Motiv des nie ausgeführten Leonardo-Gemäldes über die Anghiarischlacht dar.
Prof. Piel stützte sich bei seiner Forschung auf die sogenannte Methode der "visibilization". Dabei werden durch den Einsatz von Makro-, Infrarot- und Röntgenfotographie Details an Gemälden sichtbar gemacht, die dem menschlichen Auge nicht direkt zugänglich sind. Sie erlauben Schlüsse auf die Entstehungszeit und den Urheber eines Bildes.
Im Falle der "Tavola Doria" machten für den Experten graphologische Merkmale und maltechnische Eigentümlichkeiten im Aufbau des Werkes augenscheinlich, daß es nicht - wie jahrhundertelang vermutet - von einem Kopisten stammen kann.
Im Röntgenbild etwa wird sichtbar, daß das Gemäde ursprünglich anders konzipiert war und seine jetzige Gestalt erst im Malprozess erhielt.

Christoph Enzinger - Christoph.Enzinger@gmx.at